
Wenn sich das letzte Licht des Jahres zurückzieht und die Nächte länger als die Tage werden, öffnet sich ein uraltes Tor: Samhain – das Fest des Übergangs. Für unsere keltischen Ahn*innen war es nicht nur das Ende des alten Jahres, sondern auch der Beginn eines neuen Zyklus. In dieser stillen, kraftvollen Schwelle zwischen Licht und Dunkelheit glaubte man, dass die Schleier zur Anderswelt besonders dünn seien – und genau in dieser Zeit begaben sich die Menschen hinaus, um Kräuterwurzeln zu graben.

Warum gerade jetzt, wo die Natur sich scheinbar zurückzieht? Weil die Kraft nach unten sinkt – in die Wurzeln, in den Boden, in das Unsichtbare. Und genau dort liegt das, was wir suchen: Heilung, Erdung, Wahrheit. Wer sich zu Samhain aufmacht, um Wurzeln zu sammeln, tut mehr als nur Kräuterarbeit – er begibt sich auf eine spirituelle Reise zu sich selbst.
Die Verbindung zur Erde wird greifbar. Der Rhythmus der Natur spürbar. Und das alte Wissen, das viele von uns längst vergessen glaubten, beginnt wieder zu flüstern:
„Grabe nicht nur in der Erde. Grabe auch in dir.“
In diesem Artikel nehme ich dich mit auf eine Reise zu den Wurzeln – ganz praktisch und tief spirituell. Du erfährst, warum gerade Samhain der perfekte Zeitpunkt ist, welche Pflanzen dich rufen könnten, wie du sie achtsam sammelst und was du dabei für dich selbst entdecken kannst.
Samhain markiert nicht nur einen Wendepunkt im Jahreskreis, sondern auch einen Wendepunkt im Rhythmus der Pflanzen. Während die sichtbare Welt langsam zur Ruhe kommt, passiert unter der Oberfläche etwas Magisches: Die Pflanzen ziehen ihre Lebenskraft in ihre Wurzeln zurück.
Diese Phase – etwa von Mitte Oktober bis Ende November – wird in der Kräuterheilkunde und im Brauchtum als Wurzelzeit bezeichnet. Es ist die Zeit, in der die heilende Essenz, die Vitalstoffe und die spirituelle Kraft tief in den unterirdischen Teilen der Pflanzen gespeichert sind. Wer jetzt gräbt, findet keine welkenden Reste, sondern das Konzentrat des ganzen Sommers.
Doch Samhain ist mehr als eine ideale Erntezeit. Es ist ein Fest der Dunkelheit, des Loslassens und der Innenschau. Die Dunkelheit zwingt uns zur Stille. Und genau dort – im Stillwerden – beginnt das Hören. Genau dort wird Wurzelsammeln zur Zeremonie: Du nimmst Verbindung auf, nicht nur mit der Pflanze, sondern mit deinem eigenen Innersten. Was willst du loslassen? Was darf überwintern in dir – um im Frühling neu geboren zu werden?
Mini-Story:
Eine junge Frau, frisch getrennt, steht zum ersten Mal allein auf einem nebligen Feld. Die Hände kalt, der Atem sichtbar, das Herz schwer. Sie gräbt vorsichtig eine Beinwellwurzel aus. Als sie sie in den Händen hält, spürt sie plötzlich Wärme – als ob die Pflanze sagt: „Du bist gehalten.“ Und sie versteht: Diese Wurzel heilt nicht nur das Gewebe – sie heilt auch ein gebrochenes Vertrauen in sich selbst.
Nicht jede Wurzel ist bereit, dir ihre Kraft zu geben. Manche sind zäh, andere giftig, wieder andere einfach nicht zur richtigen Zeit geerntet. Aber es gibt einige, die sich seit Jahrhunderten in Ritualen und der Heilpflanzenkunde bewährt haben – besonders zur Samhain-Zeit.
Hier sind fünf Pflanzen, die sich dir öffnen könnten, wenn du bereit bist, mit Respekt und Achtsamkeit zu graben:

1. Wirkung: Beinwell enthält Allantoin – ein Wirkstoff, der Zellregeneration und Gewebeheilung unterstützt.
2. Spirituelle Bedeutung: Diese Wurzel gilt als „Knochenheilerin“ – sie stärkt innere Strukturen und hilft, emotionale Risse zu schließen.
3. Anwendung: Umschläge bei Verstauchungen oder seelischem „Zusammenbruch“, auch als Tinktur einsetzbar (nur äußerlich!).
1. Wirkung: Verdauungsfördernd, entkrampfend, stärkend für das Immunsystem.
2. Spirituelle Bedeutung: Schützt vor dunklen Energien, schenkt inneres Licht in schweren Zeiten.
3. Anwendung: Gerne als Tee oder Räucherwerk – besonders zu Übergangsritualen wie Samhain.
1. Wirkung: Beruhigend, schlaffördernd, angstlösend.
2. Spirituelle Bedeutung: Unterstützt dich beim Abschiednehmen – von Menschen, Mustern oder alten Schmerzen.
3. Anwendung: Tee oder Tropfen – ideal vor Samhain-Nächten zur Traumöffnung.
1. Wirkung: Leberreinigend, entgiftend, blutreinigend.
2. Spirituelle Bedeutung: Klärt inneren Nebel, stärkt Entscheidungskraft.
3. Anwendung: Frisch in der Küche oder als Tee – besonders gut zur Herbst-Detox.
1. Wirkung: Schleimlösend, stärkt die Lunge und das Immunsystem.
2. Spirituelle Bedeutung: Verbindet dich mit alten Seelen, Ahnenlinien und früherem Wissen.
3. Anwendung: Getrocknet in Räuchermischungen oder als Tee zur Atemstärkung.
Tabelle: Überblick über die 5 Wurzeln
|
Pflanze |
Wirkung |
Spiritueller Aspekt |
Anwendung |
|
Beinwell |
Wundheilung, Zellaufbau |
Innere Stabilität |
Umschläge, Tinktur außen |
|
Engelwurz |
Verdauung, Immunsystem |
Schutz & Licht |
Tee, Räucherung |
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Baldrian |
Beruhigung, Schlaf |
Loslassen & Entspannung |
Tee, Tropfen |
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Löwenzahn |
Entgiftung, Leber |
Klarheit & Entscheidungskraft |
Tee, Küche |
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Alant |
Lunge, Immunsystem |
Ahnenverbindung |
Räucherung, Tee |
Zur Zeit von Samhain – wenn das Jahr stirbt und die Seelen wandern – war das Sammeln von Wurzeln kein profaner Akt, sondern ein ritueller Vorgang. Für die Kelten bedeutete jede Handlung in der Natur eine Verbindung zur geistigen Welt, und das Ausgraben einer Wurzel war eine Art Kommunikation mit dem Unsichtbaren.
1. Nacht oder Dämmerung: Viele Bräuche empfehlen, Wurzeln nach Sonnenuntergang oder bei abnehmendem Mond zu graben – in einer Zeit, in der sich die Energie zurückzieht.
2. Schweigen & Konzentration: Man sprach während des Grabens nicht – um die Verbindung zur Pflanze und zur Erde nicht zu stören.
3. Kein Werkzeug aus Metall: Traditionell wurde mit Holz oder Händen gegraben – Metall galt als zu „technisch“ und störte die Erdkräfte.
1. Opfergaben: Vor dem Graben wurde oft Milch, Honig oder Brot als Gabe an die Pflanzengeister geopfert.
2. Worte des Dankes: Nach dem Entnehmen der Wurzel sprach man einen Segen oder ein Lied, um sich zu bedanken – viele Frauen summten dabei intuitiv.
3. Nur so viel, wie du brauchst: Die Kelten sammelten niemals auf Vorrat, sondern nur, was wirklich benötigt wurde. Überschuss galt als Missachtung.
Mini-Story:
Ein alter irischer Brauch erzählt von einer Heilerin, die nie ein Wort sprach, wenn sie aufbrach, um Wurzeln zu graben. Die Menschen wunderten sich. Bis eine junge Frau ihr einmal heimlich folgte und sah, wie sie mit jedem Schritt ein leises „Danke“ hauchte – zum Wind, zur Erde, zur Pflanze. Als sie zurückkam, sagte sie nur:
„Wer die Erde nicht ehrt, dem zeigt sie ihre Kraft nicht.“
Kräuterwurzeln zu Samhain zu sammeln, ist mehr als ein Naturausflug. Es ist eine stille Zeremonie, eine Rückverbindung zur Erde – und zu dir selbst. Wenn du dich dieser Handlung mit Achtsamkeit näherst, kann sie heilsam, klärend und sogar transformierend wirken.
1. Deine innere Haltung zählt: Geh nicht mit „Ich will was haben“-Energie los. Sondern mit: „Ich komme, um zu hören und zu empfangen.“
2. Was du mitnimmst: Grabholz oder -löffel aus Holz, ein Baumwollsäckchen, Wasser zum Reinigen, evtl. eine kleine Gabe (z. B. Apfelscheibe oder Blume).
3. Richtig wählen: Spür in dich hinein – welche Pflanze ruft dich? Welche begegnet dir öfter? Geh nicht nach Buchwissen – geh nach Resonanz.
1. Kontakt aufnehmen: Knien, berühren, ein paar Atemzüge tief durch den Mund – dann frage leise:
„Darf ich dich nehmen?“
2. Die Wurzel freilegen: Vorsichtig rundherum lockern – nimm dir Zeit. Kein Reißen, kein Hasten.
3. Das Loch schließen & danken: Erde sanft zurückgeben. Deine Gabe hineinlegen. Abschließend ein Danke – laut, leise oder im Herzen.
Tipp:
Viele empfinden es als kraftvoll, die Wurzel erst daheim zu reinigen – als Symbol: Ich sehe jetzt, was ich da wirklich mitgenommen habe. Und manchmal erkennt man erst dann den tieferen Sinn.
Es war ein kühler Nachmittag Ende Oktober, das Laub raschelte in mattem Gold, und der Nebel hing tief zwischen den Bäumen. Lina, eine junge Frau, stand zum ersten Mal seit Monaten wieder im Wald. Sie hatte viel verloren in diesem Jahr: einen geliebten Menschen, ihren Job, ihre Richtung. Samhain war für sie nie mehr als ein Wort gewesen – bis zu diesem Moment.

Etwas zog sie tiefer in den Wald, abseits der Wege, wo die Bäume älter waren und die Geräusche der Welt verstummten. Dort blieb sie stehen – ohne zu wissen, warum. Ihre Hand griff instinktiv in den feuchten Boden, schob Blätter beiseite, und plötzlich spürte sie etwas Festes, Widerständiges. Eine Wurzel. Sie wusste nicht, zu welcher Pflanze sie gehörte. Sie wusste nur: Diese gehört mir.
Sie grub langsam, mit den Fingern, trotz Kälte. Als sie die Wurzel schließlich ganz in den Händen hielt, liefen ihr die Tränen. Nicht, weil sie wusste, was sie damit tun sollte. Sondern weil sie das Gefühl hatte: Die Erde hat sie ihr gegeben. Und mit ihr eine Botschaft.
Zuhause fand sie später heraus: Es war Alant, die Ahnenwurzel. Ein Heilkraut, das Mut gibt und die Lungen öffnet. Und genau das war es, was Lina so lange gefehlt hatte: Ein tiefer Atemzug. Und der Mut, weiterzugehen.
Seitdem geht sie jedes Jahr zu Samhain in den Wald. Und jedes Jahr gräbt sie nicht nur Wurzeln aus – sondern auch ein Stück von sich selbst wieder frei.
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Pflanze |
Heilwirkung |
Spirituelle Bedeutung |
Anwendungsmöglichkeiten |
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Beinwell |
Fördert Zellregeneration, lindert Entzündungen |
Heilung von Verletzungen – innen wie außen |
Umschläge, Salben (nur äußerlich!) |
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Engelwurz |
Verdauungsfördernd, krampflösend, stärkend |
Schutz, Licht in dunklen Zeiten |
Tee, Tinktur, Räucherwerk |
|
Baldrian |
Beruhigend, angstlösend, schlaffördernd |
Loslassen alter Muster |
Tee, Tropfen, Schlafkissen |
|
Löwenzahn |
Entgiftend, leberstärkend, blutreinigend |
Klarheit, neue Entscheidungen |
Tee, Wildkräuterküche, Tinktur |
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Alant |
Schleimlösend, stärkt Atemwege & Immunsystem |
Ahnenverbindung, tiefer Atem |
Tee, Räucherung, Wurzelpulver |
Hinweis: Achte bei jeder Anwendung auf die richtige Dosierung und Verträglichkeit. Bei Unsicherheiten lieber einen Kräuterexpertenin fragen.
1. Ab wann darf ich Wildkräuterwurzeln sammeln?
Viele Kräuterpädagog*innen empfehlen, Wurzeln erst nach dem Absterben der oberirdischen Pflanzenteile zu sammeln — typischerweise gegen Ende Oktober/Anfang November, passend zur Samhain‑Zeit. Damit ist die Kraft der Pflanze im Wurzelbereich konzentriert und das Ritual im Jahreskreis stimmig.
2. Muss ich beim Sammeln besondere rechtliche oder ökologische Regeln beachten?
Ja. Auch wenn der Fokus spirituell ist, gilt: Nur in Gebieten sammeln, wo das erlaubt ist, nicht in Naturschutzgebieten ohne Genehmigung. Außerdem nur so viel entnehmen, wie gebraucht wird („nur so viel wie du brauchst“) – damit Natur und Pflanze nicht ausgebeutet werden.
3. Wie erkenne ich, ob die Wurzel „bereit“ ist?
Bereit heißt: die Pflanze hat ihre oberirdische Phase beendet, das Laub ist abgestorben oder verblasst, die Wurzel ist kräftig und gesund, nicht faul oder verfault. Im Ritualkontext ist auch wichtig, dass Deine Intention klar ist und Du mit Respekt vorgehst.
4. Kann ich die Wurzeln sofort nutzen oder müssen sie verarbeitet werden?
Viele Wurzeln sollten zuerst gereinigt, getrocknet oder zumindest sanft behandelt werden. Manche Wurzeln sind nur äußerlich wirksam (z. B. Umschläge), andere können als Tee oder Tinktur dienen. Wichtig: Achte auf Verträglichkeit und informiere Dich bei Heilpflanzen‑Gebrauch über mögliche Risiken.
5. Ist das Sammeln von Wurzeln zu Samhain nur ein Ritual oder auch praktisch heilpflanzlich sinnvoll?
Beides. Spirituell ist die Zeit zu Samhain besonders – laut Brauchtum ist der Schleier zur Anderswelt dünner und das Sammeln bedeutungsvoller. Gleichzeitig pflanzlich‑wirksam: Wurzeln lagern oft Wirkstoffe, wenn die Pflanze sich auf Winterruhe einstellt. Damit ergibt sich eine Schnittstelle von Ritual & Heilpflanze.
Wenn du zu Samhain hinausgehst, um Kräuterwurzeln zu sammeln, wirst du schnell merken: Du gräbst nicht nur in der Erde – du gräbst auch in dir. In dieser Zeit, in der sich die Welt zurückzieht und das Licht schwindet, liegt eine stille Kraft. Eine Kraft, die dich auffordert, innezuhalten. Hinzusehen. Und zu spüren.
Die Wurzel ist kein Symbol der Flucht – sie ist ein Zeichen der Tiefe. Sie zeigt dir: Du musst nicht höher, schneller, weiter. Du darfst tiefer, ruhiger, echter werden. Das Sammeln wird so zu einem Weg – raus aus dem Lärm, rein in die Verbindung. Mit der Natur. Mit dem alten Wissen. Und vor allem: Mit dir selbst.
Lass dir Zeit. Sei achtsam. Und vergiss nicht: Was du suchst, liegt oft verborgen – nicht im Sichtbaren, sondern im Verborgenen.
Geh dieses Jahr hinaus. Nimm eine Gabe mit. Finde eine Pflanze, die dich ruft. Grabe sie aus. Reinige sie zuhause in Stille. Und lege sie auf deinen Altar oder nutze sie in einem Bad, einem Tee, einem Räucherwerk. Du wirst sehen: Du hast mehr geerntet als eine Wurzel.
ÜBER DEN AUTOR

Evelyn Sauseng
Evy ist diplomierte Kräuterpädagogin und Humanenergetikerin aus Graz-Mariatrost.
Mit ihrer tiefen Verbundenheit zur Natur vermittelt sie seit vielen Jahren praxisnahes Wissen über Wildkräuter, Pflanzenkunde und Energiearbeit. In ihren Workshops und Beratungen zeigt sie, wie sich altes Heilwissen und moderne Erkenntnisse harmonisch verbinden lassen.
In Evy’s Kräuterwelt begleitet sie Menschen dabei, die Kraft der Pflanzen zu entdecken und Naturbewusstsein in den Alltag zu integrieren. Auf ihrem Blog teilt sie Erfahrungen, Tipps und Einblicke aus der Kräuterpädagogik und Humanenergetik.
Vertraut, verkannt, verhängnisvoll – was du über Wildkräuter glaubst, könnte dich überraschen

© EVELYN SAUSENG